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Statiker über Einsturzgefahr: »Hamburg ist in einer anderen Schneelastzone als München«

In Niedersachsen wurden mehrere Sporthallen vorsorglich geschlossen, in Hamburg bleiben die Hallen wegen der hohen Schneelast auf den Dächern noch mindestens bis Montagabend gesperrt. Die Sorge: Wenn zu viel Schnee auf einem Dach liegt, kann das die Tragfähigkeit übersteigen – Einsturzgefahr. Ist die Sorge berechtigt? Antworten liefert der Statiker Adnan Sattar, 64, Mitglied der Berliner Baukammer als beratender Ingenieur.

SPIEGEL: Herr Sattar, gibt es Dächer, die bei Schneelast besonders gefährdet sind?

Sattar: Flachdächer sind besonders kritisch, da bleibt der Schnee einfach liegen, er kann nicht abrutschen wie bei geneigten Dächern. Die Schneemenge sammelt sich und das Gewicht steigt schnell an.

SPIEGEL: Welche Faktoren beeinflussen die Schneelast noch?

Sattar: Es ist wichtig, die Schneedichte zu beachten. Nasser Schnee ist deutlich schwerer als Pulverschnee. Die Höhe des Schnees spielt eine Rolle, ebenso die Temperatur – wenn Schnee zu Eis wird, erhöht sich die Last.
SPIEGEL: Gibt es konkrete Grenzwerte? 
 
Sattar: Ja, für jede Region gibt es sogenannte Schneelastzonen, die festlegen, wie viel Gewicht ein Dach tragen muss. In Zone 2, zum Beispiel in Hamburg, liegt der Bemessungswert bei etwa 0,85 Kilonewton pro Quadratmeter – das sind rund 85 Kilogramm pro Quadratmeter. Entscheidend ist, welche Schneehöhe bei der jeweiligen Schneeart diesen Grenzwert erreicht. Zum Vergleich: Eine rund neun Zentimeter dicke Eisschicht bringt bereits etwa 85 Kilogramm pro Quadratmeter auf die Waage und ist damit schwerer als eine 150 Zentimeter hohe Schicht aus trockenem Pulverschnee mit rund 80 Kilogramm pro Quadratmeter. Allerdings kann auch dieser Schnee durch Setzung oder Feuchtigkeit rasch deutlich an Gewicht zunehmen.

SPIEGEL: Wer bestimmt diese Werte? 
 
Sattar: Die Grenzwerte stehen im Eurocode 1, einer europäischen Norm für Bauwerke. Die Zonen richten sich nach den geografischen und klimatischen Bedingungen. Kurz gesagt: Je kälter, höher und schneereicher eine Region ist, desto höher ist die Schneelastzone. Hamburg ist daher in einer anderen Schneelastzone als München.

SPIEGEL: Sind starke Schneefälle wie jetzt bei Sturmtief »Elli« eingepreist? 
 
Sattar: Die Normen berücksichtigen statistisch zu erwartende Maximalwerte. Extreme Ausnahmen können darüber hinausgehen. Dann werden Vorsichtsmaßnahmen wie Hallenschließungen nötig – das passiert gerade. 
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SPIEGEL: Was sind Warnzeichen für ein überlastetes Dach? 
 
Sattar: Wenn sich Balken oder Decken deutlich durchbiegen, Risse entstehen oder Türen und Fenster sich verziehen, sollte man vorsichtig sein. Auch ungewöhnliche Geräusche – Knacken oder Knirschen – können Warnzeichen sein. 
 
SPIEGEL: Wer ist dafür zuständig, Dächer notfalls von Schnee zu befreien? 
 
Sattar: Für private Häuser sind meist die Eigentümer verantwortlich, bei Mietwohnungen oft die Hausverwaltung. Bei öffentlichen Gebäuden wie Sporthallen übernimmt das die Stadt oder Gemeinde. Wichtig: Nie allein aufs Dach gehen und im Zweifel einen Fachmann fragen. Bevor ein Dach oder ein Balkon einstürzen, lieber einmal zu viel räumen als zu wenig.

Anmerkung der Redaktion: Um die Berechnung der Schneelast besser nachvollziehen zu können, haben wir nachträglich ein konkretes Beispiel ergänzt.  
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Updated at: 01/13/2026 07:37 AM